
Hmm, ich wollte schon immer mal ein Spiel mit dummer Story spielen, das an einen Film anschließt, den ich nie gesehen habe, und in dem man nichts anderes macht, als auf alles zu schießen, was sich bewegt. Aber 70 € dafür ausgeben? HAHA, nein danke. Bei dreißig Euro kann ich mich mit dem Gedanken allerdings anfreunden, immerhin kann ich in die Rolle von Inspector Tequila schlüpfen. Keine Ahnung wer das ist, aber der Name klingt so unheimlich kreativ. Also folgt mir in den Kampf gegen Gangster, mehr Gangster, Häuserwände, noch mehr Gangster, Statuen, viel mehr Gangster und Drogentische.
Dein schlimmster Feind trägt keine Waffe
Aber er hat vier Beine und produziert schwarzen Rauch. Nein, es ist kein Drache (aber es wäre cool, wenn man gegen Drachen kämpfen könnte…), sondern es sind die Drogentische. Da habe ich schon geschätzte tausend der bösen, aber anfangs absolut harmlosen Gangster niedergeschossen und dann werde ich durch einen Drogentisch in Stücke gerissen (Lautmalerei; nicht wörtlich nehmen, besonders nicht in der deutschen Version). Es war vielleicht keine gute Idee aus zwei Metern Entfernung auf dieses Objekt des Teufels zu schießen, aber wer rechnet denn auch damit, dass die Arbeitsplatte mit einer Fläche von 2 Quadratmetern so eine gewaltige Explosion versucht, nur weil ich einmal mit meiner Pistole draufschieße (oder aus Versehen reinspringe). Beim zweiten Versuch wird dann auf eine angemessene Entfernung geachtet, was dann so wie auf diesem Bild aussehen könnte.

Um ehrlich zu sein, muss ich sagen, dass man nur in der zweiten Mission gegen den schlimmsten aller Feinde antreten muss. Aber es nervt! Ein bisschen wie Klingeltöne. Man kann sie nicht leiden, aber sie gehen einem nicht aus dem Kopf. Ich weiß nicht einmal, warum ich die Dinger zerstören soll. Wahrscheinlich weil ich ein Bulle bin. Vielleicht hat es auch was mit diesem Polizisten zu tun, der am Anfang brutal ermordet wird oder um die zwei Frauen, die entführt werden und von denen eine ein Foto hat, auf dem auch Tequila drauf ist. Ich habe wirklich keine Ahnung, selbst beim zweiten Durchgang. Aber die Drogentische werden mir auch in zehn Jahren noch als erstes in den Sinn kommen, wenn jemand den Namen Stranglehold erwähnt.
Also die Story wird es nicht sein, die mir bei Stranglehold in Erinnerung bleiben wird. Aber was denn? Irgendwelche Erwartungen musste ich ja an das Spiel haben, dass ich ganze 30 Öcken hinblättere. Hmm… ich glaube es war der Gamerscore, den ich sammeln wollte. Vielleicht war ich auch ein wenig beeinflusst von den noch ziemlich guten Bewertungen, die es gab. Konkret gesagt, erhoffte ich mir kompromisslose Action, gewürzt durch die Bullet Tequila-Time und die zerstörbare Umgebung. Letztere ist im Übrigen gar nicht so beeindruckend und wird dem Hype in keinster Weise gerecht. Den Tiefpunkt hat das Spiel für mich erreicht, als ich damit angefangen habe, nach dem alle Gegner erledigt waren, im Level die interessantesten Gegenstände zu bearbeiten. Ist nur halb so lustig wie es hier klingt. Besonders weil ich mit einer Schrotflinte acht Mal schießen musste, um eine Löwenstatue im Casino endgültig in seine Einzelteile zu zerlegen. Dieses Bild sieht wirklich ärmlich aus. Und warum kann man die vielen Lenin-Büsten in dem Apartment-Level nicht zerstören (irgendeiner da im Team ist doch Kommunist!)? Dafür machen die Explosionen etwas her. Zumindest solange sie durch Fässer oder Drogentische entstehen. Granatendetonation sind absolut lächerlich! Warum kann man nicht mit Drogentischen statt Granaten werfen?
Ich finde den Typen mit dem Raketenwerfer unglaubwürdig
Generell ist alles in diesem Spiel unglaubwürdig. Aber es ist ja auch ein spielbarer Actionfilm, weshalb ich auch nicht mit Gegenteiligem gerechnet habe. Dennoch muss ich sagen: Ich kann damit leben, dass der Held Millionen von Kugeln überlebt. Ich kann es akzeptieren, dass zwei Schnellboote durch die Eingänge eines Casinos brechen, in Anbetracht, dass es von einem großen Fluss/See/Meer/Ozean - ach, was weiß ich - umgeben ist. Es stört mich nicht, dass ich in der abschließenden Kamerafahrt keine Schanzen oder ähnliches erkennen kann, die diese Aktion ermöglicht hätten. Aber womit ich nicht mehr leben kann? Hier erst mal eine (fast) originalgetreue Abbildung der Situation.

Also: Böser Typ, Mr. Tequila und irgendsoeine Frau stehen auf einer Linie (auch wenn das auf meiner Abbildung nicht so rüberkommt; das ist übrigens eine Draufsicht). Der Typ, dessen Eltern wohl voll von Alkohol begeistert waren, steht vor der Frau, die bedeutend kleiner und zierlicher ist als er, und wird von ihm eigentlich vollkommen gedeckt. Dann schießt der Böse, Tequila steht einfach da mit grimmigem Gesicht. Hinter ihm wird die Frau getroffen, die - wie schon erwähnt - nur getroffen werden kann, wenn die Kugeln direkt durch die geschätzen zehn Schutzwesten, die Tequila trägt, durchgegangen wären. Aber nein, er bleibt selbstverständlich unverletzt und ich kann die Sterbeszene nur skeptisch betrachten, obwohl sie anscheinend dramatisch sein soll. Ich suche während ihrer letzten Worte lieber die Einschusslöcher in Tequilas Oberkörper.
Ähnlich unlogisch sind die (Mexican) Standoffs, die ja auch in Spielen ziemlich cool ausfallen können (spielerisch total langweilig, aber cool). Unter einem Standoff verstehe ich ja, dass sich zwei Leute mit jeweils einer Handfeuerwaffe gegenüberstehen und dem Gegenüber gegen den Kopf hält. Dann wird immer noch ein bisschen geredet. Warum der Böse nicht einfach abdrückt, ist mir vollkommen schleierhaft. Immerhin ist Tequila alleine unterwegs und die Bösen sind immer mindestens zwei. Betonung auf mindestens. Später im Spiel muss man auch schon mal gegen sechs Gegner in einem Standoff antreten. Auch hier zeigt sich eine winzigwinzigwinzig kleine Logiklücke. Stellt euch vor, ihr werdet von einem halben Dutzend Gangster umzingelt (von denen zwei vermutlich Zwillinge oder Klone sind). Einer hält euch seine Waffe von hinten an den Kopf. Wen würdet ihr zuerst erschießen? Ich spare mir jetzt mal meine Antwort und auch die Anmerkung, wen Tequila als letztes erschießt.
Unreal(istische) Engine 3
Ich halte nicht viel von der Unreal Engine in den Händen von Entwicklern, die sie nicht programmiert haben. Denn da besteht immer die Gefahr von visuellem Müll (Turning Point: Fall of Liberty). Und ich halte übrigens auch nicht viel von Spielen, die von Epic entwickelt wurden (Gears of War, Unreal), aber das ist eine andere Geschichte.
Bei Stranglehold ist meine Meinung ziemlich gespalten, was das Grafikergebnis betrifft. Einerseits sieht die Umgebung ziemlich cool aus, Tequila auch. Anderseits sieht alles ein bisschen aus wie in einem Comic, was ich einigen misslungen Charakterdesigns und der überzeichneten Beleuchtung zuschreibe. Vielleicht auch noch diesem Rot-Filter bei der Tequila-Time. Es wirkt stilistisch ungeschlossen. Einige Figuren sehen wirklich unglaublich gut aus (allen voran Tequila selbst), aber besonders die bösen Hauptfiguren sehen einfach lächerlich aus. Dem übertriebenen, comichaften Charakterdesign steht auch die extrem realistische Gewaltdarstellung entgegen, die selbst in der deutschen Version (ohne Blut) ziemlich heftig ist.
Ich kann mit Gewalt als Bestandteil eines Spiels leben, aber hier wird es zeitweise wirklich zelebriert und das stört mich. Wenn ich mit einem Präzensionsschuss einem Gegner in den Hals schieße, will ich nicht sehen, wie er sich in Slow-Motion an den Hals packt, verzweifelt nach Luft schnappt und letztendlich umfällt (alles cineastisch in Szene gesetzt). Ich will auch nicht sehen, wie sich jemand auf’s Gesicht fast, nachdem sich eine Kugel durch sein Gesicht gebohrt hat. Und von einem Schuss in den Schritt fange ich erst gar nicht an.

Aber irgendwie passt diese Gewalt schon zum Spiel. Man macht ja nichts anderes, als sie auszuführen. Außer in einem Helikoptergeschütz zu sitzen und Feine auf Booten und Stegen niederzumähen. Ach ja, und Raketen abzuschießen, die mit gefühlten 4,63 km/h auf unseren Helikopter zurasen. Obwohl… das ist ja im Grunde dasselbe. Der Hubschrauberflug ist im Gegensatz zum restlichen Geballer wirklich öde. Auch wenn ich am laufenden Band über die “Intelligenz” der Gegner den Kopf schütteln muss. Der Zeitlupenmodus macht das auf jeden Fall wett, denn dann haben die dummen Gangster überhaupt keine Möglichkeit dumm zu agieren. Aber der Zeitlupenmodus hat den angenehmen Vorteil, dass die Anzahl der Stilpunkte, die Tequila für das Erledigen der Kontrahenten erhält, leicht erhöht wird. Die braucht er um eine seiner vier unheimlich tollen Fähigkeiten zu benutzen, von denen man eigentlich nur zwei braucht. Das wären das Heilen und der schon angesprochene Präzensionsschuss. Das andere sind eine Art Rambo-Modus, mit unendlicher Munition und Leben, der aber viel zu kurz ist, und ein Rundumschuss (mit den Luftratten, die ja ein Markenzeichen von John Woo sind), der alle Gegner in einem Raum tötet. Doof nur, wenn man sich verschätzt, zwei Feinde in einem Raum sind und man seine gesamten Stilpunkte verschwendet hat. Denn diese Attacke verbraucht immer (fast) alle Punkte.
Damit das Spiel auch extra cool ist, kann man sich auf einen kleinen Rollwagen stürzen, um dann in Zeitlupe auf die Feinde zu schießen, während man auf ihm rollt. Unheimlich toll… Und es sieht auch extrem cool aus, an einer Lampe schwingend auf die feindlichen Horden zu schießen. Vollkommen egal, dass ich niemanden treffe, weil die Kamera mir fast den gesamten Bildschirm über dem Lauf meiner Waffe abschneidet. Am besten ist es einfach am Geländer runterzurutschen. Das funktioniert meistens einwandfrei und sieht auch ganz nett aus
Der Zeitlupeneffekt hat viele Vorteile. Nun, eigentlich ist es nur einer. Er verlangsamt die Zeit. Ohne diese temporale Manipulation müsste Tequila nämlich seine Action-Held-Lizenz abgeben, denn ohne ihren Gebrauch steigt seine Sterblichkeitsrate erheblich an. Dummerweise vermag es die Tequilla-Time nicht, auch die Spielzeit zu verlängern. Das Spiel ist nach ca. sieben Stunden durchgespielt. Aber das ist für einen Actionfilm ja schon extrem viel.
Stranglehold macht Spaß. Es ist nicht sonderlich gut, aber seit wann ist das eine Voraussetzung dafür, dass es Spaß macht? Wir lachen ja auch über Bully-Filme. Und wer auf unkomplizierte, puristische Action steht, der wird auch mit Stranglehold Spaß haben. Oder um abschließend noch einmal bildlich zu werden: Stranglehold ist wie ein Drogentisch. Auf den ersten Blick vollkommen langweilig und simpel (spielerisch), aber wenn man auf ihn schießt gibt es eine schöne Explosion. Tiefgründig? Sicher nicht. Aber Stranglehold ist es ja auch nicht.